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Bericht Sängerkreis Heinsberg
31.03.2020 12:00

Von Anna Petra Thomas mit Johannes Cremer

KREIS HEINSBERG Immer mehr traditionsreiche Chöre verschwinden im wahrsten Sinne des Wortes von den Bühnen der Region. Dafür entstehen andernorts neue Gruppen, laden Vereine und Institutionen zum offenen Singen für jedermann ein. Wo das Chorwesen in der Region steht und welche Entwicklungen sich hier zeigen, darüber hat Anna Petra Thomas mit Johannes Cremer aus Waldfeucht, Vorsitzender des Sängerkreises Heinsberg, in dem die Chöre der Region organisiert sind, gesprochen.

Die Statistik zeigt, dass es immer weniger Chöre in Deutschland gibt. Während sich die Zahlen von Beginn des Jahrtausends bis 2017 relativ stabil um die 22.000 bewegten, gab es von 2017 auf 2018 einen Einbruch um rund 30 Prozent auf noch knapp 15.000 Chöre. Beobachten Sie diese Entwicklung auch?

Cremer: Da möchte ich zunächst der Statistik widersprechen. Alleine der Deutsche Chorverband (DCV) hat über eine Million singende und fördernde Mitglieder in rund 15.000 Chören. Er ist mit seinen 20 Mitgliedsverbänden und der Deutschen Chorjugend Deutschlands erste Adresse für die vokale Musik. Hinzu kommen noch die vielen Chöre, die nicht in Verbänden orgnisiert sind.

Also ist die tatsächliche Entwicklung auch im Kreis Heinsberg nicht rückläufig?

Cremer: Nein. Wir haben im Kreis Heinsberg zwei Verbände, in dem Chöre organisiert sind. Die Kirchenchöre sind automatisch Mitglied im Cäcilienverband. Beim Sängerkreis, über den die Mitgliedschöre dann auch dem Chorverband NRW angehören, zählen wir derzeit 33 Mitglieder. Diese Zahl stagniert und macht etwa die Hälfte der organisierten Chöre in unserer Region aus.

Dennoch hat sich die Chorlandschaft aber auch hier inhaltlich verändert...

Cremer: Das stimmt. Die klassischen Männerchöre haben tatsächlich derzeit vor allem mit der Schwierigkeit zu kämpfen, Nachwuchssänger für ihren Verein zu interessieren. Manchen Chören gelingt die Orientierung in die Zukunft, etwa dem Männergesangverein in Waldfeucht, in dem ich selbst seit 2005 Vorsitzender bin, oder auch dem Männergesangverein Dremmen, wo ich ebenfalls aktiv bin.

Was ist hier das Erfolgsrezept?

Cremer: Es gibt traditionsreiche Männerchöre, die wieder neue Mitglieder begeistern können, weil sie ihre Literatur umgestellt haben, moderne, auch englischsprachige Lieder singen, und indem sie auch ihren gesamten Auftritt neu gestalten. Vorreiter war bereits 2005 der MGV Cäcilia Waldfeucht unter der Leitung von Luuc Karsten und seit 2014 unter Hilde Ubben. Ein gutes Beispiel aus jüngster Zeit dafür ist unter anderen auch der Männergesangverein St. Josef in Kirchhoven mit seinem neuen, jungen Chorleiter Michael Pelzer.

Sind Chorgemeinschaften auch eine Lösung?

Cremer: Viele gehen Gemeinschaften mit anderen Chören ein, etwa der Kirchenchor Aphoven mit dem Männergesangverein Braunsrath. Das funktioniert aber nicht immer, wie das Beispiel von Karken und Kempen gezeigt hat. Der Quartettverein Karken ist wieder alleine unterwegs, der Männergesangverein Kempen hat sich aufgelöst.

Geht der Trend der Zukunft weg vom Männerchor hin zum gemischten oder zum Frauenchor?

Cremer: Die Tradition eines Männerchores liegt in Familientraditionen früherer Zeiten begründet, als der Mann eben einmal in der Woche abends zur Chorprobe ging und die Frau sich um die Kinder kümmerte. Da ist das soziale Gefüge heute ein anderes. Heute sind die Frauen selbstbewusster, und so entstehen auch mehr und mehr gemischte oder reine Frauenchöre. Dafür gibt es auch in unserer Region zahlreiche Beispiele, etwa den Chor Li(e)dschatten in Heinsberg-Karken, die VokaLadies und die Montagsfrauen in Waldfeucht oder den Chor Butterfly in Heinsberg-Lieck. Ich bin allerdings überzeugt, dass es auch weiterhin gute Männerchöre geben wird.

Und dann gibt es ja auch mehr und mehr Mitsingkonzerte?

Cremer: Ja, es werden mehr. Aber diese Form des Singens hat nicht nur Vorteile. Zwar bietet sie auch denjenigen die Möglichkeit zu singen, den Kopf wieder mal frei zu kriegen, die sich nicht Woche für Woche an feste Probentermine binden wollen. Auf der anderen Seite geht damit aber viel vom Vereinsleben verloren, das unsere Region so stark macht. Wer singt dann zum Beispiel noch bei Festtagen im Dorf, zum Beispiel bei Goldhochzeiten? Auf der anderen Seite zeigen die entsprechenden Großveranstaltungen wie das Weihnachtssingen in den Fußballstadien oder die Tour „Klasse! Wir singen“, die ebenfalls Arenen füllt, dass Singen wieder in ist. Die Menschen wollen singen, das ist gut für Körper und Geist. Das gemeinschaftliche Singen wird im Chor zu einem Erlebnis, auf das sich alle freuen und das die Sorgen des Alltags vergessen lässt.

Welche Lösung gäbe es da aus Ihrer Sicht für eine Stärkung der Vereine?

Cremer: Eine Lösung wäre, junge Menschen durch zunächst zeitlich begrenzte Konzertprojekte wieder in den Verein hineinschnuppern zu lassen. Eine andere Möglichkeit wäre, schon in den Kindergärten und Schulen wieder verstärkt das gemeinsame Singen in den Fokus zu nehmen. Gute Ansätze gibt es da zum Beispiel in Geilenkirchen mit dem Projekt „Toni singt“ des Chorverbands NRW, wo Chöre Patenschaften in Kindertagesstätten übernommen haben. Dann bliebe auch der Vorteil aus der Organisation im Chorverband, etwa durch die Versicherung, den Wegfall der GemaGebühren, die Möglichkeit des Besuchs von Seminaren oder die Teilnahme an Singprojekten.

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