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Bericht in der Heinsberger Zeitung am Sonntag
07.06.2021 09:00

Ran an Beatles, Bob Dylan und Metallica
Sänger beschreiten musikalisch neue Wege, kameradschaftliches Miteinander bleibt unverzichtbar.


KREIS HEINSBERG In unserer Interview-Reihe „Mein Verein" berichtet Theo Schürkens als stellvertretender Geschäftsführer und Chronist des MGV „St. Josef" Kirchhoven 1862 über die Veränderungen in der musikalischen Ausrichtung.

Herr Schürkens, Stellen Sie bitte kurz Ihren Verein vor:

Theo Schürkens:
Der Männergesangverein „St. Josef' 1862 Kirchhoven ist der älteste Gesangverein im Stadtgebiet Heinsberg. Aktuell zählt der Chor 30 aktive Sänger, die sich recht ausgeglichen auf jeweils zwei Tenor- bzw. zwei Bassstimmen verteilen. Die imposante Anzahl von 150 inaktiven Mitgliedern lässt darauf schließen, dass der Verein hohes Ansehen in der Ortsbevölkerung genießt. Jeden Mittwoch probte der Chor eineinhalb Stunden im Vereinsheim an der Brunnenschule, bevor die Corona-Pandemie im Februar 2020 den Probenbetrieb zum Erliegen brachte. Doch nicht nur die wöchentliche Gesangsprobe, sondern auch das Beisammensein in kameradschaftlicher
Atmosphäre fehlt den „Jüesepkes ". „De Jüesepkes", so nannte man die Sänger des MGV St. Josef liebevoll im Kirchhovener Volksmund zu einer Zeit, als es im Ort noch keinen Karnevalsverein gab und man sich zusätzlich zum traditionellen Chorgesang auch für die karnevalistischen Aktivitäten verantwortlich fühlte. Mit „Iüesepkes" bezeichnet man auf Plattdeutsch eine Gruppe von Männern, die alle den Namen „Josef" tragen. Hierbei übertrug man den Vereinsnamen „St. Josef'“ auf deren einzelne Mitglieder. Dass sich dieser Name in der heutigen Zeit immer mehr etabliert, liegt wahrscheinlich daran, dass dieser Begriff, aus der Tradition heraus geprägt, heute ein starkes Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Sängerschaft symbolisiert.

Welche regelmäßigen Angebote macht Ihr Verein den Mitgliedern?

Schürkens: Natürlich dient in erster Linie das Einstudieren von Liedern dem gemeinsamen Ziel, am Ende des Jahres ein Chorkonzert aufzuführen. Bei diesem Vorhaben erfährt jeder Sänger, dass mehrstimmiges Singen absolute Teamarbeit bedeutet. Singen macht Spaß und Kameradschaft erlebbar. Die heutige schnelllebige Zeit und die steigenden Anfor- derungen im Berufsleben verringern die Chancen, soziale Kontakte zu knüpfen. Die Gemeinschaft im Chor kann einen Ruhepol mit sozialem Rückhalt und Entschleunigung bieten. Dass Singen zudem der Gesundheit zuträglich ist, ist wissenschaftlich erwiesen. Die Stimme gilt als Spiegelbild der Seele Singen führt zu größer Ausgeglichenheit, stählt das Selbstwertgefühl damit die Lebensfreude. Neben dem gemeinsamen Gesang bietet das Vereinsleben bei den „Jüesepkes" alljährlich Kameradschaftsabende, Familienfeiern und nicht zuletzt Vereinsausflüge, die häufig mit Gesangs- auftritten verbunden sind.

Welche musikalischen Ziele verfolgt der Verein?

Schürkens: Der geschäftsführende Vorstand geht bereits in fast unveränderter Form in das achte Jahr seiner Amtszeit. In Zusammenarbeit mit seinem damaligen langjährigen Dirigenten Harrie Ramakers wurde bereits vor Jahren ein Strukturwandel eingeläutet. Prägte früher überwiegend klassische Männerchormusik die Chorproben, so gab es neu- erdings auch Stücke von den Beatles, Elvis Presley oder Bob Dylan. Nach seinem plötzlichen Tod 2018 übernahm Michael Pelzer die musikalische Leitung, Er begann fortan, die Chormitglieder für eine musikalische Neuausrichtung zu begeistern, ohne die traditionelle Männererchorliteratur gänzlich zu verbannen. Neue Übungsmethoden und ein enormes pädagogisches Einfühlungsvermögen des erst 30-jährigen Dirigenten haben den Chor innerhalb kürzester Zeit zu einer eingeschworenen Gemeinschaft werden lassen, obwohl sich die enorme Altersspanne der Sänger zwischen 26 und weit jenseits der 80 Jahre bewegt. Mit Begeisterung und letztendlich auch mit großem Erfolg versuchte man sich gemeinsam beim letzten Konzert an Stücken von Marius-Müller Westernhagen, Udo Lindenberg, Pur oder Metallica. Sicherlich ist dem neuen Dirigenten auch zuzuschreiben, dass nun wieder jüngere neue Mit- glieder d e n Weg zu den „Jüesepkes" finden, Gemeinsam möchte man den eingeschlagenen Weg weitergehen und sich auch optisch in der öffentlichen Darstellung verändern, Das Outfit soll künftig den Gesangsbeiträgen angepasst werden, und in Kürze wird der Verein sein neues Vereinslogo präsentieren.

Welche Bedeutung hat Ihr Verein für Ihren Ort?

Schürkens:
Der MGV St, Josef Kirchhoven ist mit weiteren 17 Vereinen Teil des Ortsringes Kirchhoven-Lieck. Man sieht sich in der Pflicht, bei Jubiläumsveranstaltungen im Ort einen musikalischen Beitrag zu leisten. Dies erledigen die Sänger äußerst gerne, da sie sich der Dorfbevölkerung auch einmal außerhalb einer Konzertveranstaltung präsentieren können. Gesangsvorträge, z.B. beim Maibaumaufstellen oder beim Volkstrauertag am Ehrenmal, gehören zu den Aufgaben im Ortsgeschehen. Bei Vereinsveranstaltungen zählt man die „Jüesepkes" zum festen Bestandteil. Traditionell führt der MGV Ende März seinen Patronatstag durch. Zu diesem Anlass wird eine Messfeier gesanglich mitgestaltet.
Wie schränkt die Corona-Pandemie das Vereinsleben ein?
Schürkens: Der Chor blickt in diesem Jahr auf seine 159-jährige Vereinsgeschichte zurück. Zahlreiche Chronisten haben das Vereinsleben dokumentiert. Es ist nachzulesen, dass der Verein so manche Tiefen durchleben musste. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Überleben traditioneller Gesangvereine, insbesondere Männerchöre, stark gefährdet ist, bedeutet die Corona-Pandemie eine besondere Existenzbedrohung. Beim Singen stellt die ausgestoßene Atemluft eine große Übertragungsgefahr von Viren dar. Chöre unterliegen deshalb speziellen Schutzmaßnahmen, wobei Abstandshaltung als ein ganz entscheidendes Gebot gilt. Ge- meinsames Singen zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass die Sänger eng zusammenstehen und sozu- sagen mit einer Stimme singen, Chorproben unter Präsenzbedingungen sind somit zurzeit nicht möglich. Viele Chöre nutzen in Corona-Zeiten die Möglichkeit, an digitalen Proben teilzunehmen und so die gesanglichen Defizite zu kompensieren. Für die "Jüesepkes" war dies jedoch nie eine Option. Man war sich darin einig, dass der zwischenmenschliche Aspekt einer Chorprobe mindestens genauso wichtig zu werten ist wie der musikalische. Vorstandarbeit wurde jedoch digital weitergeführt, der Kontakt zu den Sängern stets gehalten.

Welche Pläne hat der Verein, wenn die Corona- Verordnungen gelockert werden?

Schürkens: Glücklicherweise zeichnet sich nun ein Ende der Pandemie ab. Die aktiven Sänger können es kaum erwarten, die gemeinsamen Chorproben wieder aufnehmen zu können. Diese Gelegenheit, vor allem vor dem Hintergrund der musikalischen Neuausrichtung, möchte man nutzen, neue Sänger für den Chor zu begeistern. Interessierte sollen die Möglichkeit bekommen, sich unverbindlich bei einer sogenannten offenen Probe einen Eindruck vom Singen in der Gemeinschaft zu verschaffen. Außerdem hat die Pandemie gezeigt, wie wichtig in der heutigen Zeit zwischenmenschliche Beziehungen sein können. Der MGV St. Josef bietet die Möglichkeit, auch außerhalb von Chorproben Gemeinschaft zu erleben. Der Chor besteht aus- schließlich aus Laien. Im Mittelpunkt stehen die Freude an gemeinschaftlichem Gesang und kameradschaftliches Miteinander. Deshalb verfolgt man auch nicht unbedingt das Ziel, bestimmte chorspe- zifische Prüfungen abzulegen. Trotzdem wird man immer bemüht sein, die bestmögliche musikalische Leistung abzurufen. Die Devise lautet: Jeder so wie er kann! Gerne nehmen wir neue Sänger in unserer Mitte auf, die sich in die gelebte Gemeinschaft einfügen, Interessierte finden nähere Informationen auf unserer Internetseite: www.mgv-st-josef-kirchhoven.de.

Für die nahe Zukunft hat sich der MGV neben einer ersten offenen Probe die Durchführung eines Ka- meradschaftsabends vorgenommen. Die Verantwortlichen waren in den letzten Wochen und Monaten nicht untätig und haben reichlich Notenmaterial für einen Neustart erstellt, Neue Lieder und das Aufarbeiten von vorhandenem Liedgut sollen Grundlage dafür sein, mittelfristig wieder die Durchführung einer Konzertveranstaltung zu gewährleisten. Hoffentlich dann unter neuem Logo, in neuem Outfit und mit vielen neu hinzugewonnenen Sängern.


2021 06 06 HZaS MGV St. Josef „Ran an die Beatles"
 

Nachruf Hans von Cleef

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